Radio Stöhrfunk
Es begab sich zu der Zeit, da drei Radioaktive von Radio Störfunk zum Hirn-und Herzfestival nach Wien gingen und einer davon mit einer guten Freundin abends in einer elenden Kaschemme saß und es sich gutgehen ließ und da trat ein junger Mann an den Tisch mit einer Geschichte in der Hand. Handgeschrieben auf bunten Blättern, und er fragte, ob die am Tisch Sitzenden nicht irgend etwas zum Tauschen dabei hätten, denn er wolle seine Geschichte gegen irgend etwas tauschen. Als ich dann sogar nichts in der Tasche hatte, was ich tauschen konnte, sagte er zu mir: "Ich tausche auch gegen eine Zigarette", wo- rauf ich erwiderte: "Dann mußt du aber wenigstens zwei nehmen." Und so gelangte ich an das Manuskript "Die wahre Geschichte des Piloten Tuli und wie er träumte, ein Fischer zu sein, der zu Algebra übertritt" oder "Ein Frosch lernt nichts dazu", eine Kurzgeschichte aus dem Herbst 1996, geschrieben von Harry, von dem sie auch vervielfältigt und verteilt wurde. Also entweder hatte die gute Fee wieder einen ihrer Socken vergessen oder sie hatte sich verdrückt. Das ging ja nun wirklich zu weit - wie sollte man da an die Riemen gehen, wenn sich auf Achtern nichts rührte und in der Kombüse stapelte sich auch noch jede Menge Abwasch. Mahnbriefe, Rechnungen, Zahlungsaufforderungen flatterten durchs offene Fenster nur so herein wie lästige Motten, geflügeltes Ungeziefer. Tuli dachte einen Moment daran, die Haustüre aufzumachen, dann konnten sie auch gleich wieder hinausflattern; doch das war wohl Utopie. Einen Flohzirkus zu dressieren wäre dagegen ein Kinderspiel. Ein Traumbild tauchte vor seinem inneren Auge auf. Er, Tuli, allein in einem sehr hohen Haus im obersten Zimmer ganz unter dem Dach und alles ist voll mit Geld, vollgerammelt bis zur Decke. Geldscheine stapeln sich zwischen Bergen von Münzen, Kleingeld - sogar seine Taschen sind voll. Unaufhörlich tönt von unten herauf das Klingeln unzähliger Kassen. Rechenmaschinen rattern, addieren Summen, Börsenwerte werden mit Lautsprechern ausgerufen und ständig wächst die Geldlawine im Raum. Nur beim Fenster ist noch etwas Platz. Von unten hört Tuli durch die offenen Fensterflügel die Rufe und das Stimmengewirr einer riesigen Menschenmenge. Doch hat er keine Zeit, einen Blick nach draußen zu werfen, da er mit großer Hast und ohne sich eine Pause zu gönnen, damit beschäftigt ist, bündelweise Scheine, Säcke von Kleingeld, volle Brieftaschen, ganze Münzensammlungen, wie es ihm in die Arme kommt, zu packen und beim Fenster hinaus auf die Straße zu werfen. Doch werden davon die Geldberge nicht weniger oder die Menschenmenge unten ruhiger. Nein - ein riesiger Zorn und Unmut scheint die Menge noch anschwellen zu lassen bis an den Horizont. Und durchs Fenster hereingeflogen kommen wieder gerichtliche Zahlungsaufforderungen, Mahnungen, Strafbescheide, unerledigte Rechnungen; die Zettel und Scheine wirbeln derart durch die Luft, daß man meinen könnte, ein mächtiger Windstoß wäre in einen Haufen Herbstlaub gefahren. Dazu dieses unaufhörliche Getöse rastloser Tätigkeit, energiegeladener Kassiermaschinen, die mit dem Gedröhne der Menge weit unten einen Höllenlärm veranstalten. Nein - es war nicht zum Aushalten. Tuli zwickte sich in die Wange und wischte mit einer Gebärde über die Augen das Traumgebilde weg. "Genug - die Welt ist schlecht und die Menschen sind böse." Mit einem unwilligen Kopfschütteln verscheuchte Tuli die letzten sich verflüchtigenden Traumgespinste aus seinem Bewußtsein. Er war zwar die letzten Minuten nur dösend auf seinem Sessel eingenickt, doch fühlte er sich gerädert und zerschlagen, als hätte ihn die wilde Jagd gesattelt und durch die Lüfte geritten. Nein - genug davon, solchen Grübeleien nachzugehen, mußte ein Ende haben. Er hätte es auch schlimmer treffen können. Eine Einberufung nach Vega etwa oder ein Kontinent auf Nigel 4, dem letzten verstaubten Winkel an den Randbezirken der Milchstraße. Dort könnte er sich ein Loch durch die Kniescheibe bohren. Hier gingen doch die Leute vorbei, Gesichter auftauchend und wieder verschwindend, verschwommen, hie und da ein Lächeln, eine nette Begebenheit, einige lustige parabolide Formkurven neckisch in die Gegend gebaut und zum Anfassen prächtig. Nun, allzu üppig gab es nicht zu essen, das zu sagen wäre eine übertreibung - doch es lohnt sich die Aussicht. Nun, wenn die gute Fee nicht rankam und Hand anlegte, würde nichts wachsen. Er wollte träumen. Er schloß die Augen und spürte in sich nach dem ruhigen Schwanken der Welle Welt. Er fühlte sich im Ausguck stehend auf einem riesigen Mast, der im Wind sanft hin- und herschaukelt; den Blick auf den Horizont gerichtet. Hoch oben auf der Spitze eines mächtigen Mastes, steht Tuli im Ausguck, Ausschau haltend. Unter seinen Füßen spürt er das rollende Stampfen und Wiegen der Welle Welt, beladen mit Bergen, Städten, Getürmen. Fest und sicher steht er oben, aufrecht im Wind, mit einem Arm den Stamm umklammernd, getragen von der Welle Welt. er macht die Augen auf und ruft es laut heraus, was er sieht: "Meer - Meer - Meeer!" Unterlegt ist das Ganze mit dem "Hamburger Concerto" der holländischen Gruppe "Focus". |