Ein euphorischer, schnaufender Georg Ritter begrüßt Peter Androsch
im FRO Studio:
A: Ja leider ist es ja so, daß ich die Sendung bei mir drüben gar nicht empfangen kann, ich kriegs eigentlich nur mit, wenn ich rübergehe in die Stadtwerkstatt und mich hinsetze. G: Bevor wir zur nächsten Musik reinfahren, Peter, muß ich dir eine lästige Frage stellen: Warum tust du dir das eigentlich an, in Linz zu leben und zu arbeiten? A: Weil ich eeeiiin überzeugter Provinzler bin, und das Dorf Linz sehr liebe. Ich liebe das, ich gehe am Hauptplatz runter, jeder kennt jeden, und die 3, 4 Lokale die überhaupt betretbar sind in Linz - ist natürlich dieselbe Situation, daß man auch alle kennt, und ich liebe das sehr, so eine vorgetäuschte Wärme. G: Also sie haben es gehört, Peter liebt Linz, er liebt die vorgetäuschte Wärme, er kommt auch immer wieder zurück, er bleibt hier, er arbeitet hier … A: Ja, ich komponiere, ich bin eigentlich ein Höhlenmensch. Ich gehe in meine Höhle in die Domgassn, ich habe eine sehr schöne Wohnung und verbringe oft Tage nur in der Wohnung, ohne nach draußen zu gehen. Wenn ich raus gehe dann nur um ganz wenige Orte aufzusuchen. G: Spürst du in deiner Höhle das, was draußen vor sich geht auf irgendeine Art und Weise? A: Na, des gspia I überhaupt net ... Das ist das schöne an meiner Wohnung, also das schätze ich auch sehr - die geht nur in den Hof Richtung City-Kino, also es liegt da zwischen altem Dom, City-Kino, Graben und Domgossn - man glaubt man lebt in einem Dorf, und das einzige worauf ich sehe, sind diese Häuserfassaden und ein riesiger Baum im Hof, und es ist eigentlich wie wenn ich die Welt verlasse, wenn ich in meine Wohnung hineinsteig. G: Also: In Linz, kann man die Welt verlassen, in Linz kann man ohne Rücksicht auf die Geschichte, ohne Rücksicht auf eine geistige Last an seiner Sache arbeiten. Hast du da in Linz auch den nötigen geistigen Nährboden und die Auseinandersetzung - auch für deine Arbeit? A: Das ist glaube ich einer der Schwachpunkte von Linz, es gibt sehr wenige Arten, wie man sich auch über sehr spezialisierte künstlerische Auseinandersetzung austauschen kann, aber das hängt auch mit der Geschichte der Stadt zusammen, daß eigentlich die Kulturszenerie - jetzt im weitesten Sinne - noch sehr jung ist, denkt man da an die Gschichten vom jungen Kain in den Nachkriegsjahren, die waren ja allein auf weiter Flur. Und das ist heute zum Glück nicht mehr so. Es gibt ja in Linz inzwischen sehr viele die tätig sind - natürlich auch sehr viele die abgezogen werden nach Wien, weil fraglos in Wien die Möglichkeiten natürlich größer sind, das ist klar - natürlich auf der anderen Seite sind sie in Linz in gewisser Weise ... - Institutionalisierte Möglichkeiten - sagen wir einmal so - sind in Wien größer, aber freie Möglichkeiten was zu tun - vom Klima, von der Stadt her, ist Linz sicher geeigneter im Moment. Außerdem, das ist ja eigentlich nicht der Grund, warum ich nicht weggehe, sondern der Grund ist, daß ich irrsinnig bequem bin, und ich das dörfliche Leben genieße. G: Liebst du blöde Nachbarn, liebst du, daß es um nix geht? A: Wos hast des? G: Na, nicht für dich selber, daß du in deiner Umgebung nicht belästigt wirst mit irgendwelchen anderen Dingen, daß du einfach nur mit Blödheiten belästigt wirst, mit Alltäglichem, mit Nebensächlichem, also du nährst dich aus dem Banalen. A: Des is vollkommen, na - jo des is super wos du jetzt sogst, weil eigentlich ist es so - das fällt mir jetzt erst ein wo du das sagst - das ist eine Form von Erdung die ich liebe, wir sind eh immer knapp am Verrücktwerden, die meisten Künstler die wirklich intensiv ihren Beruf betreiben, und du brauchst eigentlich eine Erdung, und für mich ist diese Erdung diese Alltäglichkeit diese Banalität. Das liebe ich, ich liebe es, z.B. zum Fleischhauer zu gehen, und diese vertrottelten Gespräche - nein, die sind gar nicht vertrottelt, eigentlich sind sie gar nicht vertrottelt, das ist ungerecht wenn ich sage vertrottelt, - aber da mitzuhören, und schmarotzerhaft mich auf die Seite zu stellen, und eine alte Dame nach der anderen - die sich sowieso vorgedrängt hätte - vorzulassen, und die Gespräche zwischen den Verkäuferinnen und diesen alten Damen zu belauschen, über was sie reden - also das ist super für mich, ungefähr so was wie die übersteigerte Mühlviertelliebe vom Rudi X, fast eine Suche nach einer Erdung in dem Alltagssumpf - so sehe ich das. Mein haus, ich bin ja überzeugt - ich habe ja einen Plan im Kopf schon seit Jahren, und das wird wahrscheinlich immer eine Illusion bleiben - ich will gerne eine Fernsehserie über Domgasse 5 machen. Weil das Haus ist derartig einzigartig von der Bewohnerschaft her, daß z.B. wenn das Haus irgendwie mitkriegt, daß ich irgendwie über längere Zeit die Wohnung nicht verlasse - oder so, dann kommen die alten Damen - oder auch irgendeine Dame die in dem Haus leben zu mir und klopfen an und sagen: Herr Androsch woins net a Rindsbratl oder wos - so kümmern sich die um mich! G: Du hast gesagt du willst eine Fernsehserie machen ... A: Ja ich will eine Fernsehserie machen über mein Haus, über die Domgasse, weil alles auf engstem Raum was man sich nur vorstellen kann vorhanden ist, also Zuwandererproblem - es lebt ein Iraner da mit seiner Frau, der einige Lokale da in Linz besitzt, und eine alte Lateinproffessorin, also wo schon seit Jahrzehnten darauf gewartet wird, daß die Wohnung frei wird, und es ist nie der Fall, und ich treffe sie immer bei den Premieren vom Theater Phönix, oder eine Dame - auch alte Dame die 68 aus der Tschechei geflüchtet ist, einen Homosexuellen, eine extrem übergewichtige Familie, wo ich mich immer frage wie die Deckenkonstruktion dieser ehemaligen Kaserne das überhaupt aushält G: Eine wievielköpfige Familie? A: Jo ... zwischen 10 und 12 Personen. G: Also eine Familie die eine Tonne schwer ist A: Ja wenn man alles zusammenrechnet ist sie eine Tonne schwer - dann also eine Familie die direkt benachbart ist mit mir, deren Familiengeschichte so steil ist, daß man es überhaupt nicht erzählen kann, und das interessante daran ist - G: Und eine männerverschlingende Hausbesitzerin - A: Das noch dazu - aber das hast jetzt du gesagt nicht ich - auf jeden Fall eigenartig ist, daß alle immer schweren Anteil an meiner Geschichte nehmen. Es waren ja einige vom Haus bei der Opernprämiere z.B. Und wenn sie glauben, daß ich Liebesprobleme oder andere Probleme habe, dann setzt die Versorgungsmaschinerie ein, da reden sich die Damen des Hauses zusammen und bringen mir Mittagessen, Abendessen - also das sind ideale Arbeitsbedingungen. G: Ein klassisches Konzept: Liebe geht durch den Magen, oder? A: Also das ist fernsehreif und sehr aufregend. Selbst wenn man die Wohnung nicht verläßt kriegt man alles mit, ich ertappe mich ja selbst oft bei Handlungen die man nur in einem schlechten Film sieht, das, daß ich mich zu meiner Eingangstüre stelle, ganz nah innen, ja, und oft 10 oder 15 Minuten mithöre was am gang geredet wird, und dann lache ich natürlich über mich selbst, weil da redet z.B. die Frau X mit der Frau Y, und dann weiß ich nicht, und dann höre ich mir die ganzen privaten Geschichten an, und dann weiß ich nie, soll ich mich jetzt schämen für mich, aber irgendwie die Lust ist so groß, daß ich es einfach doch immer wieder mache, und ich nehme halt an daß das jeder im Haus macht. Also es ist ja nicht so, daß wir nichts miteinander reden, es gibt ja richtige Hausversammlungen die sich ergeben im Stiegenhaus. Also es ist ja so, alles was da rund um den Hauptplatz passiert - jeder kennt dich in der Trafik, also ich liebe das und es spornt auch meine Spontanität an, also ich glaube der Grund warum ich Linz - oder wieso ich nie ernsthaft darüber nachgedacht habe, Linz zu verlassen, hängt auch viel mehr damit zusammen als mit theoretischen Dingen oder mit künstlerischen Dingen - es hängt einfach damit zusammen, daß ich mich sauwohl fühle da. Und natürlich gibt es auch politische Gründe, kulturelle Gründe, aber das ist sicher der Hauptgrund.
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