Software und Kunst
Ein Mailinterview mit Franz Xaver, Kunstlabor/Wien.

On Sun, 17 May 1998, Gabriele Kepplinger wrote:

> welche chancen hat ein medien-kuenstler noch im gigantischen technologie-kapitalismus.

wenn der medienkuenstler die richtige einstellung mitbringt, sehr gute. ich meine "technologie-kapitalismus" ist etwas, das dem kuenstler auch moeglichkeiten eroeffnet. wenn der kuenstler zum user wird, hat er schon verloren, dann ist er kalkulierbar und user sind loser. wenn er glaubt, mit neuesten technologien arbeiten zu muessen, dann gehts um kapitalressourcen. was ja immer schon kuenstler auszeichnete, war eine wertfreie handhabung der geraetschaften. wenn es dann bei den werkzeugen um betraege geht, die einer einzelnen Person ein sicheres auskommen bis ans lebensende garantieren, wird schon der eine oder andere kuenstler mit seinem wertfreiem betrachten der geraete ins wanken geraten.

> was ist medienkunst (persoenlich)?

medienkunst ist fuer mich eine bezeichnug fuer alles, was neu ist. fuer alles, wo man mit offenem mund davorsteht und einem eventuell ein "AHA" ueber die lippen kommt. auch wo neue zusammenhaenge zwischen den medien oder sparten hergestellt werden --- kurz: querverbindungen. diese muessen aber nichts mit technischen geraeten zu tun haben, diese verbindungen koennen auch gedanklich konstruiert werden, jetzt nehm ich mal ein modisches wort aus fruehen zeiten --- kontextkunst. aber natuerlich ist es in der medienkunst auch gueltig, technische hilfsmittel einzusetzen.

> welche voraussetzungen sind notwendig?

keine, nur gute ideen, und wertfreies denken soweit das moeglich ist.

> wie kommt man zu diesen voraussetzungen?

uebung, immer wieder neue sachen probieren und diese auch dann wieder zu verwerfen, nie irgendwo haengenbleiben.

> wo liegt der unterschied fuer einen medienkuenstler im vergleich zu einem kuenstler, der mit den "alten" > werkzeugen arbeitet? (z.b. zeichner, maler, schriftsteller, ...)

der ist, glaub ich, auch nicht so gross. es geht in keiner sparte um werkzeuge, man kann alles verwenden, um kunst zu machen. ein guter medienkuenstler ist nicht an die steckdose gebunden. er kann auch mal mit einem bleistift oder einem pinsel was anfangen (alles ist gueltig). > hat ein medienkuenstler mehr stress, mehr aufwand, als einer, der mit den "althergebrachten" werkzeugen arbeitet?

ja, weil ab und zu die werkzeuge, die der medienkuenstler verwendet, am markt einen gewissen kapitalwert oder handelswert haben, und da er ja immer neue werkzeuge ausprobieren muss, spuert der medienkuenstler doch ab und zu einen leichten druck.

> gibt es durch die entwicklung der technologie entstehende hindernisse fuer kunst?

nein, mir ist jede technologie willkommen, ich habe keine angst davor.

> wie schaut's mit hardware aus? ist sie erschwinglich? nach welchen kriterien wird sie ausgesucht?

ja, da kommen wir schoen langsam zu einem punkt, wo ich was klarstellen muss. hardware ist fuer mich im prinzip alles, ein verrosteter nagel genauso wie ein dec-alphaprozessor. meine argumentation laeuft darauf hinaus, dass man mit jeder hardeware gleich gute kunst machen kann. warum soll ich mir dann einen aplphaprozessor leisten, wenn ich einen 386er prozessor geschenkt bekomme. natuerlich weiss ich, dass ich in 10 jahren auch einen alphaprozessor zur verfuegung haben werde. aber ich fuehle mich halt im moment wohler, wenn ich mit geraeten hantiere, die einen geringeren handelswert haben und eher schrotteile sind. schrott als arbeitsmittel zu verwenden, das habe ich schon immer gemocht. vor 15 Jahren bin ich auf schrottplaetzen rumgeturnt, um irgendwelche geilen motoren zu finden. heute sind es halt prozessoren. aber im endeffekt arbeite ich gerne mit schrott. anders muesste man ein multimillionaer sein, und an diese situation brauche ich ja nicht denken.

> wie schaut's mit software aus?

OH YEAHHH!

software, ein wunder punkt in der medienkunst. software ist in der kunst ueberhaupt noch nie so richtig aufgetaucht. diese loser-user-0815-kaufhaussoftware, die alle verwenden, ist einfach mist. und das wird auch jeder rasch einsehen, denn es fuehrt zu schubladisierung und vereinheitlichung der kunst. es wuerden die kuenstler zu marionetten der software (bzw. ihren herstellern) werden. nein, so funktioniert das nicht mit software und der kunst. es gilt auch fuer software, kein werkzeug ist bestimmend ueber die kunst.

software mit ueberraschenden zusammenhaengen, funktionen und kuenstlerisch guten anregungen habe ich leider selten gesehen. ich kann mich taeuschen, aber mir scheint, die zeit der software in der kunst wird erst kommen. wenn bei den theoretikern bekannt wird, dass man dort ja kraut und rueben ploetzlich vermischen kann, wird es rasch einen neuen gedanklichen ansatz geben. kompatibilitaetsprobleme gehoeren schon lange der vergangenheit an. die rezipienten sind zur zeit noch ziemlich hardewarefixiert, und das beurteilen der software beschraenkt sich im wesentlichen nur auf umfang und leistung. um inhalte geht es eigentlich kaum. userfreundlich und bunt muss alles sein, nur nichts von der softwaremaschine an die schoene grafische oberflaeche lassen. das war sicher noch nie die intention der kunst.

ich beschaeftige mich seit 15 Jahren mit software in der kunst, und habe fuer ausstellungen ca 100 programme geschrieben. und ich sage es immer wieder, es kann nur einzelloesungen geben, die der kuenster selber macht. in der kunst haben diese loser-user-kaufhaussoftware-pakete nichts zu suchen. auch wenn durch selbstgeschriebene programme die objekte(programme) und konstrukte simpler werden, und wenn sie ploetzlich mit einem 286er prozessor auskommen, die inhaltliche qualitaet des kunstwerkes wird steigen. basic als programiersprache wird brutal verteufelt (es ist schon obszoen, dieses wort in den mund zu nehmen). ich glaube aber fuer die einzelloesungen und experimente, die anpassungen ans werk, ist diese programmierart ideal. was bringt es dem kuenstler, auch wenn er eine klare vorstellung von der struktur des programmes hat, wenn er sich dieses von einem programmierer ausprogrammieren laesst, und wenn er dann diesen compilierten dreck vor sich liegen hat und nur mehr ein- oder ausschalten kann. das werk bzw der kuenstler stockt, er ist nicht weiter entwicklungsfaehig, die moeglichkeiten, neue sachen zu erfinden, sind fuer ihn null.

> gibt es brauchbare software, die einfach zu verwenden ist?

es ist nur die logik selbst, die als brauchbare software gesehen werden kann.(die boolsche mathematik). betriebssysteme sind auch schon einigermassen ausgereift. aber inwieweit die betriebssysteme in die loser-user kaufhaussoftware einzureihen sind, weiss ich nicht.

> gehoert software-machen zu einem medienkuenstler dazu?

klar gehoert das dazu. immer mehr draengt sich die software in den vordergrund. software kontrolliert meistens hardware, desswegen ist sie auch wichtiger, und es wird zeit, dass sich kuenstler um software kuemmern. coole software waere, wenn sie ohne ein betriebsystem auskommen wuerde.

> wie gehst du an eine aufgabe (=kunstwerk, das du machen willst) heran? wie ist der gedankliche ablauf?

das ist ein bloede frage. soll ich jetzt eine bauanleitung fuer ein kunstwerk formulieren? entweder man hat's im urin oder nicht.